15 Jahre Haft – Ohne das Engagement vieler Ehrenamtlicher wäre ich irgendwann gestorben

… Seit 1965 war ich insgesamt 15 Jahre in den unterschiedlichsten Gefängnissen in Haft wegen Diebstahl, Einbruch, Betrug, Unterschlagung, Erpressung, Zuhälterei und Körperverletzung – und jedes mal zu Recht. Seit 1988 kann ich nun straf- und drogenfrei leben und danke Gott und den vielen Menschen, die mich dabei begleitet haben und heute noch begleiten.

Neben vielen Missständen und menschenunwürdigen Umständen gab es früher keinerlei Angebote, wo ich als Gefangener die Chance gehabt hätte, meine Lebenseinstellung nach bürgerlichen Wertvorstellungen zu ändern. Einiges hat sich im Lauf der Jahrzehnte verbessert, aber auch heute noch bleibt z. B. fachliche Begleitung von Psychologen und Therapeuten auf der Strecke. Gegen Alkoholsucht, Spielsucht und Sexsucht, die mich prägten, gab es damals keine Hilfe und es sieht heute nicht viel besser aus. Stattdessen umgaben mich Lieblosigkeit, Hoffnungslosigkeit, Aggressionen und die kranken Strukturen verschiedenster Süchte.

Erst als ich die Ehrenamtlichen der Emmaus-Bewegung und von den ANONYMEN ALKOHOLIKERN kennenlernen durfte, gelang es mir, mich mit meiner Schuld, meinen Süchten, der Reue und dem Thema Wiedergutmachung auseinanderzusetzen. Drei Jahre ging ich in diese Gruppen und fühlte mich dort erstmals als Mensch und Hilfesuchender voll angenommen. Irgendwie hatte ich eine neue, liebende Familie gefunden. Mit deren Hilfe konnte ich auch nach der Entlassung privat und beruflich sehr gut Fuß fassen.

Ich wäre irgendwann in irgendeinem Gefängnis oder auf der Straße im Milieu gestorben, wenn es nicht dieses Engagement vieler Ehrenamtlicher gegeben hätte.

In Freiheit ging ich dann nicht nur weiter in diese Gruppen, sondern gründete auch selbst welche und gehe nun schon seit 20 Jahren als Ehrenamtlicher in zehn verschiedene Gefängnisse, um sowohl von meinem Leben zu erzählen als auch feste wöchentliche Gruppen zu begleiten.

Aus meiner langen Erfahrung kann ich deutlich sagen, dass durch Politik, Justiz und Kirchen viel zu wenig in den Gefängnissen getan wird, um von Resozialisierung zu sprechen.

Nach langer Zeit des Ehrenamtes weiß ich sicher, dass viele Gefangene nicht mehr rückfällig werden würden, wenn wir, die Gesellschaft, ihnen mit Liebe und fachlicher Kompetenz begegnen würden. Wir brauchen nicht immer höhere, sondern sinnvollere Strafen, das wäre nach meiner tiefen Überzeugung auch der beste Weg zur Hilfe für Opfer und zum Schutz der Gesellschaft. Wenn weiterhin Strafe und Gewalt den Vollzug dominieren, erzeugt dies nur wieder Gewalt und noch mehr davon.

Viele Menschen jammern über die Wirtschaftskrise, aber ich bin davon überzeugt, dass die größte Krise unserer Gesellschaft die fehlende Liebe und Barmherzigkeit ist, gerade auch zu den Menschen an ihrem Rand. Zur Mithilfe an einer besseren Zukunft rufe ich alle auf, Politik, Justiz, Kirchen, Gefangene, Haftentlassene und jeden Bürger, der den Mut aufbringt, sich einzusetzen, zu fordern und zu fördern. Opfern und ehemaligen Tätern wird dies ebenso helfen, wie es neue Opfer vermeiden helfen wird.“

 

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